Ohne das Hemd bist du nichts
Als ich ankam, den Zettel vom Jobcenter in der linken, eine Flasche
Brandy in der rechten, war das Hemd schon längst wieder aus der Hose gewandert und meine Krawatte hing auch schon auf Halbmast, als wolle sie vor dem Hemd fliehen, zu der sie nicht passte. Ich sortierte die Krawatte und sprach ihr etwas Mut zu: Bleib ganz ruhig. Man kann sich nicht immer aussuchen, wo man landet. Versuch das Hemd zu nehmen wie es ist. Du brauchst doch ein Hemd! Ohne Hemd bist du doch nichts. Bleib bei deinem Hemd und versuch es irgendwie zu lieben.
Ich dachte daran, gleich wieder abzuhauen. Aber das fand ich nicht fair, der Krawatte gegenüber. Also stiefelte ich gleich auf den hochpoliertesten Knaben, der mir ins Auge fiel und dachte bei mir, das muss doch der Boss sein, wenn er da so rumstolziert, als gehöre ihm die Welt. Es war ein feister Typ mit schlechtem Toupée und Krokodilstiefeln. Hier läuft doch keiner in Krokodilstiefel umher, wenn er sich nicht jeden Abend saftig auf den Buckeln des ganzes schmuddeligen Packs, welches hier rumläuft, die Taschen voll macht, um sich in sein Prachthaus oben auf dem Berg zurückzuziehen und alle Welt über ihre Lage auszulachen. Umsonst hat sich dieser Lümmel sicher nicht die Wampe feist gemacht. Sein Händedruck war war und ekelhaft. Ich glaubte, dass ich seinen Wurm schüttel, nicht aber, dass der wässrige Fladen, der da in der ersten Runde schon in meinen Seilen hing, die Hand eines Mannes sein könne. Bianski? fragte er. Ich antwortete: Zur Stelle. Er wies mich einem Vorarbeiter zu. Das war ein Mann mittleren Alters. Hoch motiviert und ein richtig ehrgeiziges Kerlchen wie mir schien. Er hörte gar nicht mehr auf etwas von Lieferscheinen, Quittungen und Vorkasse zu erzählen. Wann immer er gerade auf seine Liste schaute, genehmigte ich mir einen heimlichen Schluck. Ich nickte müde, als er mich fragte, ob ich es begriffen habe.